..was wurde erreicht, wen und was haben wir erreicht, was soll noch erreicht werden ?
Eine Bilanz der acht Jahre währenden Kampagne in Mittenwald, gehalten auf dem Antimilitaristischen Ratschlag am 20.3.2010 in München
[Der ganze text als PDF]
Theatereinlage und Parolenpotpurri
- Hallo
- Das Rad nicht völlig neu erfinden ! Zwischenbilanzen
- „stolz (auf) die Leistungen in Vergangenheit und Gegenwart“ - Wo stand der Kameradenkreis im Juni 2001?
- „mehrtägige Störfeuer linksextremer Krawallmacher“ - Außenpolitik
- "Angriff aus dem Zug" - Innenpolitik
- Antifaschismus und Autonomie
- „in Zukunft auf alle Ankündigungen achten, auf die es ankommt!“ Schluss
- Theatereinlage und Parolenpotpurri
(Assecoires: Schwarzes Basecap, schwarze Jacke, weißer Hut, weißes Jackett, Sonnenbrille,Strick, Rote Fahne) (Musik erklingt: Anna Marly, Les chant de partisan : http://www.youtube.com/watch?v=EaXZStHXBbQ (2:40 Minuten)
Antifaschist steht auf dem Tisch und schwenkt langsam die rote Fahne ....
Das Lied klingt aus, der Antifaschist legt die Fahne aus der Hand, geht vom Tisch und stellte sich mit posierender Faust auf, er skandiert Parolen:)
1.Alle fünf Sekunden stirbt ein deutscher Soldat – Stalingrad - Massengrab
2.Stalingrad war wunderbar – Nazi-Opa blieb gleich da
3.Deutsche Täter, deutsche Verbrechen, haben Namen und Adressen
4.Erste Gebirgsdivision – Mörderische Tradition
5.Kommeno, Distomo – das war Mord - Entschädigung für alle – jetzt sofort!
6.Mörder unterm Edelweiß, wir machen euch die Hölle heiß!
7.Edelweiß – Totenweiß!
8.Zitat Tucholsky: „Soldaten sind Mörder“
9.Gottesdienst, das ist der Hohn, denn die Hölle wartet schon!
10.pace, pace, pace, pace ....
11.Sommer, Sonne, Kriegsverbrechen – kein Vergeben, kein Vergessen!
12.Auf dem Weg in´s Paradies, Gebirgsjäger, die sind fies!
13.Wo hängt denn hier der Strick, wo hängt denn hier der Strick?
14.Nie, nie, nie wieder Deutschland....
15.Wenn der Muli tritt mal aus, siehst du ganz schön Scheiße aus!
16.Mittenwalder Edelweiß – Eselsgedenken, was für`n Scheiß!
17.Und der Muli hat es satt, gebt endlich die Löffel ab!
18.Gegen euch und eure Ahnen helfen nur Partisanen!
Erneut nimmt der der Antifaschist die rote Fahne auf, stellt sich wieder auf den Tisch, schwenkt langsam die Fahne, wieder erklingen die ersten Takte des Liedes: Les chant de partisan (nur eine Minute ...)
Hallo,
8 Jahre Kampagne zu Mittenwald: Was wurde erreicht, was haben wir erreicht mit unseren acht lange Jahre anhaltenden Aktivitäten gegen das alljährliche Treffen des Kameradenkreises der Gebirgsjäger auf dem Hohen Brendten am Truppenstandort Mittenwald? Das erscheint zunächst als eine simple Frage. Und die wurde schon eingangs mit dem Abspielen der zentralen Hymne der französischen Partisanen: Les chant de partisan gestreift. Sie wurde von der der russischen Migrantin Anna Marly komponiert und gesungen. Auch ihr Lied haben wir Pfingsten 2003 auf unserer Kundgebung auf dem Anfahrtsweg zu dem Hohen Brendten gespielt. Und ihr Schall hat dort allen TeilnehmerInnen der militaristischen Zeremonie des Kameradenkreises unvergesslich in den Ohren geklungen. Auch diese Hymne kam damals so gut an, das es uns danach - bis auf den heutigen Tag - nie wieder erlaubt worden ist, an diesem Ort eine Kundgebung durchzuführen. Richtig gehört: Wir waren das, die das erreicht haben! Und wir waren das, die in der Geschichte des Protestes gegen das Treffen der Gebirgsjäger abwechselnd eine Vielzahl von Parolen skandiert haben: Ja, noch mal richtig gehört: Die Gebirgsjäger, gerade die abweisenden Teile der Bevölkerung in Mittenwald haben diese in Inhalt wie Tonlage zum Teil ganz ausgezeichneten Parolen immer mal wieder für ein paar Tage im Jahr ertragen müssen. Sehr schön, sehr schön, wenigstens das wurde erreicht! Das war jetzt sehr sachlich, es geht aber auch ganz persönlich: Hier lautet dann die Frage nicht „Was“ haben wir erreicht, sondern noch besser: Wen haben wir mit unserem Widerspruch in Mittenwald erreicht?
Mit unserem Engagement haben wir keine Geringeren als Christina Dimou, Peter Gingold, Jakob Szmulewicz, Agyris N. Sfountouris, Nikos Fokas, Ludwig Baumann Amos Pampaloni, Enzo und Marcella di Negri erreicht: Und die so weisen wie Militanten Max und Marie Tzwangue sowie Maurice Cling haben wir erreicht, die uns heute durch ihre Anwesenheit beehren. Auch wenn wir überhaupt kein Recht dazu haben, uns selbst dafür zu loben, dass wir einige Überlebende des Naziterrors, einige Militante im Kampf gegen die Nazi-Barbarei haben „erreichen“ können, so dürfen wir doch darüber etwas ausdrücken, was viel größer ist, als das was der schlichte Begriff des„erreichen“ auszudrücken vermag: Glück. Ja, wir dürfen von ganzem Herzen darüber glücklich sein, das wir diese großartige Menschen, - Cher camerads - , durch unseren Protest haben kennenlernen dürfen.
Wenn auch sonst nicht viel bleiben mag – worüber die Geschichte übrigens noch gar nicht entschieden hat, - diese großartige Erfahrung zählt, sie bleibt. Und sie gilt auch gerade deshalb, weil die Aktivisten und Aktivistinnen der freien Assoziation Angreifbare Traditionspflege gerade keine Staatspräsidenten, keine Bundeskanzler, keine Außenminister, noch nicht einmal gewiefte Außenpolitiker waren und sind, nein, das waren nicht, sondern immer nur einfache Aktivistinnen wie du und ich, wie Herr und Frau Mustermann.
Hier jetzt noch eine späte Vorbemerkung über meine Rolle und die Funktion, die dieser Beitrag an dieser Stelle überhaupt nur erfüllen kann: Dass ich hier an dieser Stelle vorsingen darf, ist eine wirklich große Anerkennung. Denn ich selber gehöre gar nicht zu der Vielzahl der hoch verdienten InitiatorInnenen, die diese ungeheuer bedeutende und vorbildliche Initiative im Mai des Jahres 2002 ins Leben gerufen haben. So gibt es eine ganze Reihe von Leuten, die es allemal mehr verdient haben – im wahrsten Sinne des Wortes - an dieser Stelle diesen Beitrag zu halten, als meine Wenigkeit. Allerdings haben wir vom Arbeitskreis angreifbare Traditionspflege sie am Ende unseres Engagements mit unseren Ideen und Überlegungen nicht mehr in einer Weise erreicht, das wir sie haben dafür begeistern können, hier an dieser Stelle aus ihrer Sicht eine Resümee zu ziehen. Auch so etwas gehört zu einer Bilanz.
Selbstredend ist die hier in diesem Beitrag vorlegte „Bilanz“, wenn es so etwas jetzt schon geben kann, persönlich durch den, der vorträgt, gefärbt. Aber das wäre auch von jeden und jeder anderen an dieser Stelle, an diesem Ort und vor allem in dem konkreten politischen- und sozialen Zusammenhang einzufordern. Wir vom AK Angreifbare brauchen uns gegenseitig keinen Pseudo-Objektivismus, und einen akademisch verbrämten sowieso nicht, vorzuspielen. Überhaupt: Wenn unser Engagement in den letzten Jahren etwas deutlich unterstrichen hat, dann ist es doch der ganz wunderbare Umstand, dass es einer freien Assoziation auch akademisch profilierter Aktivistinnen wenigstens einmal in ganz vorzüglicher Weise gelungen ist, - sprich: dass sie es erreicht haben – einmal nicht Gegeneinander zu konkurrieren und das was sie zuweilen in den akademischen Institutionen unvermeidlicherweise an Elend, an Konformität wie Subalternität zu erleiden wie zu erdulden haben, weit, weit hinter sich zu lassen.
Ein Missverständnis muss für das Thema dieses Vortages gleich beiseite geräumt werden: Es kann hier nicht um eine Geschichte des Mittenwaldprotestes und seiner Wirkungen gehen. Dafür gibt es eine Reihe ganz ausgezeichneter Gründe: Insoweit wir es selbst sind, die hier versuchen das zu bilanzieren, was sie über Jahre angerichtet haben, werden wir natürlich einen Teufel tun, unser Engagement in einer Weise zu bilanzieren, das wir uns dabei – umgangssprachlich gefasst – „in die Tonne treten“ . Viel wichtiger ist aber die schlichte Einsicht, das sich „Geschichte“ immer am besten dann schreiben lässt, wenn alle Beteiligten tot sind. Das gilt für uns, für alle Kameradenkreismitglieder, alle EinwohnerInnen der Gemeinde Mittenwald, aber auch für alle Polizisten und Verfassungsschützer, die uns über die Jahre kontrolliert, erfasst, und zum Teil ruppig angefasst haben. Aber wir leben noch, glücklicherweise und nicht wenige von uns haben auch schon öffentlich bekundet, dass für sie die „Geschichte“ in Sachen Mittenwald noch lange nicht zu Ende sein soll. Und dafür gebührt ihnen allemal Respekt. Und der gilt auch dann, wenn man die Beweggründe dieser Aktivistinnen im Horizont der sozialen Uhr des Protestes und Widerspruches, die immer auch einen Zeitkern besitzt, so nicht nachzuvollziehen vermag.
Das Rad nicht völlig neu erfinden ! Zwischenbilanzen
Für einen Vortrag, der das Thema der Bilanz unseres engagiert geübten Widerspruches in Mittenwald zum Thema hat, muss „das Rad nicht völlig neu erfunden“ werden. Es gibt nämlich schon mindestens drei vorläufige Bilanzen, die dazu publiziert worden sind:
- Zum einen handelt es sich um den Aufruf zu diesem Ratschlag, der hier als bekannt vorausgesetzt wird.
- Zweitens: Bremer Genossinnen haben einen schönen mehrseitigen Text unter dem Titel: „Die Kampagne „Angreifbare Traditionspflege“ stellt sich vor: Rück- und Ausblick eines antifaschistischen Netzwerkes“ publiziert. Wenn ihr nun fragt: „Verdammt, wo das denn?“ Dann rufe ich euch zu: An abgelegener Stelle – und zwar im Antifa-Taschenkalender Münster 2010, für 7 Euro erhältlich beim UNRAST-Verlag. Doch genug der Schleichwerbung: Würde ich diesen schönen Text hier so referieren, wie er es eigentlich verdient hat, dann ist die Zeit dieses Vortages um. Aus diesem Grunde wird er auch im Anschluss hier an alle Interessierten verteilt.
- Und dann gibt es noch die schöne Arbeit von Jennifer Gronau unter dem prägnanten Titel: „Auf blinde Flecken zeigen“, erschienen letztes Jahr in einem Verlag der Universität Oldenburg. Ihre Entscheidung ihre Diplomarbeit nicht ungelesen in einem Keller der nagenden Kritik der Mäuse zu überlassen, ist ganz wunderbar. Ihre Arbeit über das, was sie „eine Diskursintervention“ (S. 143) nennt, beleuchtet zunächst die „Entkontextualisierung und Entpolitisierung der Beteiligung von Gebirgsjägereinheiten an NS-Kriegsverbrechen“ (S. 139). In der Gemeinde Mittenwald, - eine Art „Mikrokosmos deutscher Gedenkpraktiken des Nationalsozialismus“ wie Jennifer es bezeichnet - zeigen sich dann die Konsequenzen, die aus einer „sorglosen Zusammenlegung eines Opferbegriffs (entstehen), die bewusst Leerstellen in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus“ setzt (S. 143/ 44). Kurz: „Entgegen der Traditionsrichtlinie von 1982 (...) ist in der Bundeswehr Platz für die Kriegshandlungen der Gebirgsjäger der Wehrmacht.“ (S. 142)
Gegen all das, so Jennifer weiter, ist es nun durch die „Präsenz der Kampagne „Angreifbare Traditionspflege“ sowie medialer Berichterstattung und Kommentierung (der) Gedenkpraxis der Gebirgsjäger“ gelungen, die „bisherige Selbstverständlichkeit der Gedenkveranstaltung in der Gemeinde Mittenwald“ aufzubrechen. (S. 140), mehr noch: Die Gedenkpraxis ist in Mittenwald „zu einem umkämpften Ort geworden.“ (S. 142) Und wer hat das alles auf die Reihe bekommen? Genau! Damit ist wohl ein Teil der hier im Raum Anwesenden gemeint! Vielen Dank für die Blumen!
Es spricht aber in besonderer Weise für diese Arbeit, das sie uns neben den Blumen für die Zukunft noch ein paar unbequeme Fragen hinterlässt. Was für eine Ehre für wirklich neugierige Forscher wie AktivistInnen. Jennifer Gronau sagt auch an uns gerichtet: „Die Auseinandersetzung um die Erinnerung scheint (...) in einem „Nie wieder Auschwitz“ zu verharren, ohne diesen ethischen Appell in seinen politischen und gesellschaftlichen Konsequenzen in der Tagespolitik oder im Alltag vollends umsetzen zu können.“ (S. 141) Weiter: „Derzeit ist noch offen, wie die Erinnerung an die Shoah und ihrer gesellschaftlichen Konsequenzen für die Gegenwart ohne die Überlebenden der nationalsozialistischen Vernichtung für die kommenden Generationen gestaltet werden kann.“ (S. 142) Und eingedenk der beunruhigenden Tatsache, dass das „Selbst- und Fremdverständnis (der Gebirgsjäger) als Elitetruppe (durch) die Traditionspflege und ihre Erzählungen“ in der Region auch deshalb gestützt wird, „da sie den Zusammenhalt stärkt und gegen Kritik abschirmt“, müsse eben diese Elitestellung, „die den Gebirgsjägereinheiten seit ihrer Entstehung (...) zugesprochen (werde), „auf ihre Funktion für die Bundeswehr untersucht werden.“ (S. 144)
„stolz (auf) die Leistungen in Vergangenheit und Gegenwart“ - Wo stand der Kameradenkreis im Juni 2001?
Ich mache jetzt in der Betrachtung einen Schnitt und versuche die Bedeutung der Kampagne unter einen Blickwinkel der allerjüngsten Vergangenheit zu beleuchten. In welche Konstellation setzte die Präsenz der Kampagne einen Kontrapunkt: Erinnern wir uns. Es waren Einheiten der deutschen Gebirgstruppe, die nach dem ersten militärischen Sieg Deutschlands nach der Reichsgründung 1870/71 im Frühjahr 1999 in den Kosovo einrückten. Ein Bericht der Zeitung Die Welt vermerkt hierzu: „Bilder als wachwerdende Erinnerung. ‚Zivilisten feiern Deutsche im Stahlhelm. So bejubelt wie die Bundeswehr auf dem Weg nach Prizren wurde zuletzt die Wehrmacht auf dem Weg nach Pilsen.’“ (Die Welt vom 15.6.1999)
Der aus Mittenwald stammende, zum NATO-Kommandeur auf dem Balkan ernannte, General Klaus Reinhardt, seit 1960 Gebirgsjäger trat in dieser neuen Funktion vor dem Kameradenkreis in der alljährlichen Pfingstansprache 2000 auf dem Hohen Brendten vor 6.000 Zuhörern an die Öffentlichkeit. Dort wusste Reinhardt die Frage danach, warum denn „bei den Auslandseinsätzen des Deutschen Heeres immer wieder Gebirgsjäger dabei“ seien, mit dem instruktiven Hinweis zu beantworten, dass „die Gebirgstruppe der Bundeswehr [...] von Männern aufgebaut und geistig ausgerichtet worden [sei], die als Kommandeure als Kompaniechefs und Kompaniefeldwebel [...] uns die zeitlosen militärischen Werte wie Pflicht, Treue, Tapferkeit und Kameradschaft vorgelebt“ haben. „Diese Männer“, so Reinhardt weiter, „waren unsere Vorbilder, und sie repräsentieren eine ganze Generation von Wehrmachtssoldaten, [die] der nachfolgenden Generation, das Koordinatensystem ihrer Werteordnung“ weitergegeben hätten und natürlich „Respekt“ verdienten. Und um das Maß hier vollzumachen, sprach im Juni 2001 der amtierende Ministerpräsident Stoiber anlässlich der Transformation der 1. Gebirgsdivision in die Gebirgsjägerbrigade 23 mit expliziten Dank an den Kameradenkreis für dessen Wirken von „einer unangreifbaren Traditionspflege, die in der (...) insgesamt traditionsarmen Bundeswehr ihresgleichen“ suche. Um dann an anderer Stelle zu ergänzen, dass er besonders „stolz (auf) die Leistungen in Vergangenheit und Gegenwart (…) dieser spezifisch bayrischen Truppe“ sei. Ja, ja, „die Leistungen in der Vergangenheit der Gebirgstruppe“, Nachtigall icke höre dir trapsen. „Es war wohl nicht einfach alles schlecht am Nationalsozialismus, was Herr Stoiber?“
Die historische Bilanz im Juni des Jahres 2001 konnte also für die Gebirgsjäger als erstem Kampfverband der Bundeswehr und ihren Kameradenkreis nicht günstiger sein: DDR weg, UdSSR weg, die Bundesrepublik Jugoslawien erneut militärisch zerschlagen, die Ausstellung zu den Kriegsverbrechen der Wehrmacht mit einer erfolgreichen politischen Kampagne versenkt – denken wir an die Anti-Wehrmachtsaustellungs-Massendemo in München von Anfang März 1997 bestehend aus 5.000 Aktivisten aus dem Spektrum der Neonazis, der CSU und den Soldatenverbänden – die Bilanz konnte aus Sicht des Kameradenkreises nicht günstiger sein, und das alles mit ganz vorzüglicher Traditionspflege im Gepäck. Wenn die Gegenwart schon so Gold war, denkt sich da der alte Gebirgsjäger, konnte dann die Vergangenheit tatsächlich so schlecht gewesen sein, wie es immer in hetzerischer Absicht behauptet wird?
Es waren unter anderem der Buchenwald- und Auschwitz Überlebende Kurt Julius Goldstein, der neben Peter Gingold, Esther Bejerano - auch unter organisatorischer Hilfestellung von Ulli Sander - daran erinnerten, dass die vom damaligen Außenminister Fischer und heutigen Träger der Ehrendoktorwürde der Universität Haifa mit der Verkündigung des Imperatives „Nie wieder Auschwitz“, gegebene Rechtfertigung des Angriffskrieges gegen die Bundesrepublik Jugoslawien einen ziemlich dicken Pferdefuß hatte.
In ihrem Ende April 1999 an die Minister Fischer und Rudolf Scharping adressierten berühmten offenen Brief findet sich ein für die Jahre später nachfolgende Kampagne Angreifbare Traditionspflege außerordentlich bedeutender Hinweis: „Herr Minister Fischer, Herr Minister Scharping. (...) Wir fragen Sie angesichts Ihrer Verlautbarungen und politischen Praxis: (...). Soll vergessen sein, dass die Zerschlagung Serbiens von 1914 bis 1918 jenem Heeresgruppenbefehlshaber und Totenkopfhusaren August von Mackensen übertragen war, der 1915 und dann immer wieder das "rücksichtslose Vorgehen" gegen die serbische Bevölkerung befahl und der dann Hitler bis zuletzt als Propagandist half - bis zum Aufruf zum Opfertod der Jugendlichen als Volkssturm -, und nach dem die Bundeswehr noch immer eine Kaserne in Hildesheim benennt? Soll vergessen sein, dass (...) auch die Bundeswehr (...) erprobte Serbenschlächter in ihren Reihen hatte?“ Und dabei verwiesen die Briefschreiber auf den „Wehrmachtsoberst Karl-Wilhelm Thilo, der in der Bundeswehr höchster General und Kommandeur der 1. Gebirgsdivision“ war, und zwar genau „jener Division, die nun wieder auf dem Balkan die deutsche Fahne vertritt“ Und es war genau jener General Thilo der „Massenmordbefehle gegen Jugoslawen“ unterzeichnete, und in dem Buch des Kriegsverbrechers Hubert Lanz, über die "Gebirgsjäger - Die 1. Gebirgsjäger-Division 1935/1945" mitschrieb, die in der Bundeswehr kursierten, um den Völkermord zu preisen. Ende der entsprechenden Passage in dem Brief.
Nein, gerade weil das alles gerade nicht vergessen werden soll, machten sich diesen Hinweis folgend „57 Autonome aus Köln“, - so zumindest stand es am 19. Mai 2002 in Presseberichten nachzulesen - auf den weiten Weg, um an das seit 1952 traditionell gewordene Schweinebratenessen des Kameradenkreis im Postkeller in Mittenwald zu besuchen. Auch die Vereinigten Verfolgten des Naziregimes haben ihnen den weiten Weg gewiesen. Ohne Eintritt zu bezahlen, betraten sie den Festsaal forderten die Musikkapelle ultimativ dazu auf: „Ey, jetzt hör mal mit der Musik auf!“ und baten in höflicher Weise die anwesenden Kameradenkreismitglieder und Bundeswehrsoldaten für die während 2. Weltkrieges von Gebirgsjägereinheiten Ermordeten eine Gedenkminute einzulegen. Die so Angesprochenen verstanden sofort wer und was damit gemeint ist. Und so reagierten sie entsprechend aggressiv. AntifaschisTinnen und Autonome wusste sich aber tapfer zu verteidigen. Ganz vorbildlich hier die Aktion eines Genossen, – so ist sie in Erzählungen überliefert - der einem mit Krückstock drohend gestikulierenden Gebirgsjägeropa durch die kurzerhand durchgeführte Entfernung des Tirolerhutes vom Kopf Schach Matt setzte. Was für eine List der Weltgeschichte: Die am Ende des 20. Jahrhundert zu erneuter Prominenz aufgestiegenen allseits bewunderten und politisch hofierten Kampfeinheiten der Gebirgsjäger zeigen sich gänzlich unfähig zu einer Gedenkminute für das was sie doch unbezweifelbar angerichtet haben. Langer Rede, kurzer Sinn: Spätestens nach dem Überraschungsbesuch im Postkeller am 18. Mai 2002 steht er Kameradenkreis der Gebirgsjäger und mit ihm die Gemeinde Mittenwald anhaltend unter politischen Druck.
„mehrtägige Störfeuer linksextremer Krawallmacher“ - Außenpolitik
Und in diesen Zusammenhang lassen sich in Bezug auf die Wirkungen des Protestes eine ganze Reihe von Bilanzen aufmachen. Am einfachsten dabei wohl der außenpolitische Aspekt: Die Teilnehmerzahlen am Kameradenkreistreffen auf dem Hohen Brendten nahmen mit Ausnahme der 50 Jahresfeierlichkeiten 2007 kontinuierlich von mehreren Tausend auf wenige Hundert ab. Seit 2007 ist auch der ehemalige Kompanieführer eines Gebirgs-Pionier-Bataillons 818, Josef Eduard Scheungraber nicht mehr auf dem Hohen Brendten dabei. Es hat dem Träger der Goldenen Ehrenadel dieses Vereins nicht genutzt, das er von Antifaschisten inmitten junger Gebirgsjägerbundeswehrsoldaten fotografiert worden ist. Das Foto illustrierte noch einmal seine anhaltende Tauglichkeit für den dann am 11. August 2009 gegen ihn mit Lebenslänglicher Freiheitsstrafe beendeten Strafprozess am Landgericht München wegen 10 fachen Mordes im Verlaufe des Massakers in Falzano di Cortona. Die vom Kameradenkreis in Gestalt des langjährigen Vizepräsidenten Klamert organisierte Verteidigung Scheungraber, auch in Form von engagierten Beeinflussungen von Zeugen - erlitt einen vollständigen Schiffbruch – wie man zumindest in der norddeutschen Küstenregion zu sagen pflegt. Im Jahr 2007 wurde auch bekannt, das vom österreichischen Verteidigungsminister in einem offiziellen Erlass angeordnet wurde, dass österreichische Soldaten an diesem Treffen nicht mehr teilnehmen dürfen, da die Wehrmacht „nicht in die Traditionspflege des österreichischen Bundesheeres einbezogen“ werden darf. In der Ausgabe der Süddeutschen Zeitung vom 1. März 08 wurde erstmals der vom Arbeitskreis angreifbare Traditionspflege seit Jahren gegen den Kameradenkreis ausgezeichnet begründete Vorwurf einer „Selbsthilfegruppe von Kriegsverbrechern“ referiert. (SZ vom 1.3.08)
Derweil drängte die Gemeinde Mittenwald den Kameradenkreis für das Jahr 2008 dazu, den heiligen Pfingsttermin auf dem Hohen Brendten zu verlegen. Die Lokalgazette Garmisch-Partenkirchner Tagblatt (GPT) hatte allen Ernstes die lauernde Gefahr „mehrtägiger Störfeuer linksextremer Krawallmacher“ rapportiert, was immer sie darunter verstehen mag. Als der Kameradenkreis einer Terminvorverlegung auf Ende April 08 zustimmte, wurde diese Entscheidung gleich vom Mittenwalder Tourismuschef mit Blick auf die drastisch gesunkenen Touristenzahlen zu Pfingsten in den letzten Jahren mit den Worten begrüßt: „Da tun uns die Demonstrationen wesentlich weniger weh!“ (GPT vom 21.11.07) Und als Ende Februar 08 der Kameradenkreis vom Wehrbereichskommando IV „darüber informiert“ wurde, das just zu diesem Termin das von der Frau des amtierenden Bundesverteidigungsministers und ihrem Gatten eröffnete 7. internationale Militärmusikfestival in Garmisch-Partenkirchen abgehalten werde, und „die konkrete Gefahr besteht, dass Gegner der Brendtenfeier diese Gelegenheit zum öffentlichen Auftritt“ nutzen könnten (Gebirgstruppe 1/2008), kam es dann gleich zur nächsten Verschiebung, was ein weiteres mal illustriert, wie sehr der Kameradenkreis am Tropf des Bundesverteidigungsministeriums hängt.
Wie man es auch dreht und wendet: Die Proteste in Mittenwald in den letzten Jahren haben die desolate Situation in der lokalen Tourismusbranche vielleicht nicht exklusiv herbeigeführt. Aber richtig ist auch, das sie ganz sicher nichts, aber auch definitiv nichts, nein: Rein gar nichts dazu beigetragen haben, dass es irgendwie besser wird. Dieser komplexe sozialkulturelle Zusammenhang motivierte dann auch bei der Demonstration 08 ein paar Aktivistinnen zu einem einfallsreichen Transparentslogan. Während oben in ganzer Zeile zu lesen stand: „Mittenwald: Der Einfluss von Kriegsverherrlichung auf den Fremdenverkehr“ sauste direkt darunter ein dicker roter Pfeil von links oben nach rechts unten, wo die Tatsache vermerkt war: „Tschüss Wohlstand.“
Der Mittenwald-Protest hat ganz offenkundig in der Architektonik zwischen dem Kameradenkreis, der Gemeinde und der Bundeswehr einiges an Wirkungen entfaltet. Es ist einer überschaubaren Gruppe von Antifaschisten, Autonomen und Antimilitaristen immer mal wieder gelungen, dem Apparat des Bundesministeriums der Verteidigung, der CSU-Staatsregierung, großen Teilen der das Maul aufmachenden Bevölkerung in Mittenwald und dem Kameradenkreis auf der Nase herumzutanzen – das bleibt eine – unter den gegebenen Umständen - enorme Leistung. Wenn es jemanden gibt, der den Kameradenkreis in einer weise politisch, sozial und kulturell isoliert hat, dann waren wir es. Wenn wir sonst nichts erreicht haben, mit Verlaub: Wenigstens das haben wir erreicht.
Gleichwohl: Auch wenn wir dem Bundesverteidigungsministerium mit unserem Engagement in den letzten acht Jahren ziemlich auf die Nerven gegangen sind – und das an einem Truppenstandort, der seit dem Ende der Blockkonfrontation in Europa in einem politischen wie militärstrategischen Sinne im Zentrum der bundesdeutschen Militärpolitik liegt – so hat sich doch das Bundesverteidigungsministerium bis auf den heutigen Tag nicht vom Kameradenkreis distanziert. Auch heute noch spricht die Bundesregierung in Gestalt des in der 1. Gebirgsdivision gedienten parlamentarischen Staatssekretärs Christian Schmidt ungeniert davon, das „von einer verbrecherischen Geschichte der Gebirgstruppe zu sprechen (…) historisch falsch“ sei – und das diese Frohnatur gleichzeitig selbst Mitglied im Kameradenkreis ist, soll hier der nur Vollständigkeit halber nachgetragen werden. Und die anhaltende Existenz des Kameradenkreises selbst ist ein beunruhigend erfolgreiches Beispiel dafür, das die Maßgabe der Aufarbeitung der Vergangenheit in militärstrategischer Hinsicht immer nur die Anpassung an eine veränderte Lage bedeuten kann. Kurzum: Den Protesten und dem Widerspruch in Mittenwald ist es nicht gelungen, eine in der dortigen Region seit fast einem Jahrhundert anhaltende erfolgreiche Militärorganisierung aus den Angeln zu heben. Die jahrelangen Proteste haben es nicht vermocht, Mittenwald trotz seiner für die Vergangenheit wie Gegenwart immensen Bedeutung für die Praxis deutscher Militärpolitik aus seiner randständigen Lage herauszuheben. So sich einmal die Friedensbewegung hier und da mit ein paar Tausend Leuten versammelt, zieht sie es lieber vor, in Großstädten im Kreis herumzulaufen. Die permanente Selbstverstaatlichung der Friedensbewegung äußert sich lieber in fruchtlosen Appellen an die, die die nach dem Fall der Mauer gewonnene Reisefreiheit auch für Bundeswehrpanzer in alle Regionen der Erde zu organisieren haben.
"Angriff aus dem Zug" - Innenpolitik
Seit 2003 nahm der AK Angreifbare zusammen mit den Vereinigten verfolgten des Naziregimes (VVN) parallel zu dem Treffen des Kameradenkreises der Gebirgsjäger zu Pfingsten in der Gemeinde Mittenwald Platz. Das hier entwickelte Aktionsdesign sah immer eine Zeitzeugenveranstaltung zusammen mit einer angemeldeten Demonstration vor. Die Zusammenarbeit mit der VVN war für den Arbeitskreis richtig, wichtig und gut. Beide Gruppierungen haben sich gegenseitig Resonanz verschafft. Das muss ganz deutlich hervorgehoben werden. Und aus der Sicht des Arbeitskreises war die Zusammenarbeit mit VVN auch dafür gut, das eben nicht er sondern die VVN wegen den Protesten in Mittenwald Aufnahme in dem bayrischen Verfassungsschutzbericht fand – was wir hier an dieser Stelle natürlich energisch verurteilen.
In den Jahren 2002-2005 konnten der Arbeitskreis zusammen mit der VVN eine stetig wachsende Teilnehmerinnenzahl an den Protesten mobilisieren. Höhepunkt war dabei das 60. Gedenkjahr des Ende von Krieg und Faschismus, wo über 600 Leute den Weg in die Kleinstadt des Henkers fanden, wie es in einer eigens dazu produzierten Mobilisierungsbroschüre auf dem Titel stand. Danach war absehbar, das sich diese Mobilisierung in ihrem Umfang würde nicht mehr wiederholen lassen.
Vor drei Jahren, Pfingsten 07 machte sich dann ein Bericht im Garmisch-Partenkirchner Tagblatt über die Demonstranten lustig: Stünden „da nicht die Einsatzwagen“ der Polizei, würde Mittenwald „ein gewohnt friedliches Bild“ bieten, steht da zu lesen, und weiter heißt es in dem Bericht: „Einige Brendten-Gegner haben ein Transparent entrollt, auf dem sie gegen deutschen Militarismus protestieren. Einige Straßen weiter, Im Gries, finden sich weitere Kritiker des Pfingsttreffens. Sie lauschen der Kundgebung aus einem Lautsprecherwagen, machen Brotzeit, einer verteilt Gummibärchen. Geht von ihnen Gefahr aus? Die Brendten-Gegner – richtig ernst nehmen sie die Einheimischen nicht mehr. „Ich weiß gar nicht, warum die noch herkommen“, heißt es unter Schaulustigen. „Vielleicht als Alleinunterhalter?“ schmunzelt ein anderer. Die Polizei riegelt den Versammlungsort ab, „bitte treten Sie hinter die Absperrung zurück“. Polizeisprecher Herbert Kieweg ist zufrieden mit dem Ablauf der Protestaktionen. „Es ist alles ruhig – so wie es sein soll.“ Zur Veranstaltung mit Zeitzeugen erschienen 120 Personen, auch die Versammlung am Obermarkt verlief störungsfrei.“ (GPT vom 29.05.2007)
„Alleinunterhalter“, „Keine Gefahr“, störungsfrei, „gewohnt friedliches Bild“ und alles ruhig, „so wie es sein soll.“ – so hört sich die feindselig untermalte Ignoranz an, die von lokalen Ordnungshütern zusammen gereimt wurde. Und das allein zu dem schnöden Zweck, genauso weiter zu machen wie bisher. Auf der anderen Seite zeigen die von Gehässigkeit triefenden Zeilen, dass die jahrelangen Proteste in Mittenwald, notwendigerweise ihre eigene Ritualisierung hervorgebracht haben. Mit der TeilnehmerInnenzahl von gerade mal knapp über 100 Leuten war das Mittenwald-Demonstrationsunternehmen 08 zwar noch passgenau aber doch schon „knapp auf Unterkante genäht“. Es wurde offenkundig, das nicht wenige GenossInnen, die sich in den vergangenen Jahren auf den ziemlich weiten Weg zu diesem, auf seine Weise entfernten Ort gemacht haben, über gute Gründe verfügten, das nicht beliebig oft zu wiederholen.
Jeder etwas auf Dauer gestellte Protest gerät vor die Zwickmühle, nach und nach so etwas wie eine eigene „Traditionspflege hervorzubringen. Und ein legitimes „Weiter so!“ geht dann ganz auf Kosten des Anspruches auf Innovation. Anders formuliert: Sozialer Protest ist nun mal keine stumpfe Militärorganisierung, er folgt seiner eigenen verwickelten Logik. Das, was abstrakt wichtig ist oder sein mag, findet eben niemals seine Eins zu Eins-Übersetzung in die Sozialität einzelner Aktivistinnen. Ein Protest, der niemanden mehr überrascht, und sich so in alle formalen wie informellen Spielregeln einfügt, bleibt wirkungslos.
Richtig aber auch: Gegen diese Tendenz ist es uns in den Jahren 2008 und mit der Aufstellung des Denkmales 2009 mit einer überschaubaren Anzahl von Aktivistinnen gelungen, uns selbst und auch alle anderen noch einmal zu überraschen. So wurden die Leser des Münchner Merkur Ende Mai 2008 über einen, so heißt es: "Angriff aus dem Zug" informiert, und weiter konnte man dort unter Hinweis auf „trickreiche Brendten-Gegner", lesen: „45 linke Demonstranten haben am Sonntag einen Zug zum Anhalten gebracht, um den Hohen Brendten (…) zu stürmen. (…) Auf freier Strecke nahe dem Schmalensee betätigten die >Brendtengegner< die Notfallentriegelung einer Waggontüre und sprangen mit Transparenten zur Anhöhe.“ Es gehört in die Geschichte des Mittenwaldprotestes das auch so die stets von der Polizei umseitig organisierte Abriegelung des Kameradenkreis-Treffen auf dem Hohen Brendten für einen kurzen historischen Moment umgangen werden konnte. Soweit also so gelungen wie erfolgreich, und diese Aussage gilt selbst dann, wenn man dem eingangs zitierten Bericht weiter glaubt, dass es der Polizei doch noch in einer Art Katz- und Maus-Spiel gelungen sein soll, die GenossInnen vor Erreichen des Ziels zu stoppen. Jeder Angriff bergauf schleppt immer ein strategisches Handicap mit sich - zumindest in dieser Frage ist ein Konsens zwischen Angreifbaren Tradionspflegistas und Gebirgsjägern vorstellbar. Wie ernst aber die Polizei diese gewiefte Aktion nahm, wird auch daran deutlich, dass sie sie unter zur Hilfename eines direkt über den Ort der Kameradenkreis-Gedenkfeierlichkeiten laut knatternden Polizeihubschraubers für geraume Zeit ins Visier genommen wurde. Wer noch die legendäre Abschlusskundgebung der Anti-G8-Auftaktkundgebung am 2. Juni 07 im Rostocker Hafen in Erinnerung hat, weiß, wie jede Kundgebung in sich zusammenfällt, die sich unter Beteiligung von dröhnenden Polizeihubschraubern abspielen darf.
Antifaschismus und Autonomie
Konzeptionell wurden die Proteste in Mittenwald im Wesentlichen vom antifaschistischen und - etwas randständiger - antideutschen Dispositiv getragen. Dabei kommt natürlich dem Antifaschismus ein erheblich höheres Maß an Respektabilität zu. Direkter formuliert: Der alte Antifaschismus ist für die Zukunft eines glücklicheren Lebens sicher nicht alles, ohne ihn ist aber alles andere ganz sicher nichts. Und überhaupt: Hinter jeden Einzelnen, der oder die in Mittenwald die Stimme zum Widerspruch erhoben hat, standen Millionen von Leuten aus den ehemals von den Gebirgsjägern überfallenen Ländern, was für eine große Ehre fürwahr.
Dem antideutschen Dispositiv kann nicht das gleiche Maß an Respektabilität zugeschrieben werden. Wenn hier mit einem Transparent unter der - wohl als radikal verstandenen - Losung »Nazizentrum Deutschland angreifen!« in Mittenwald demonstriert wird – so geschehen 2005 - so ist dieser Gedanke genauso richtig wie der Sinn der Parole: „Das Brett vor dem eigenen Kopf als Waffe begreifen!“
Allerdings, und das vereint beide Dispositive, sind sie mit ihrem Blick auf unterschiedliche Weise in die Vergangenheit, etwas präziser: in die Zeit bis zum 8. Mai 1945 gebannt. Doch mit einer ausschließlich antifaschistisch oder gar antideutsch motivierten Brille bringen sich die Aktivisten um einen Begriff der Gegenwart. Denn die dem Nationalsozialismus nachfolgende Zeit der BRD – auch der DDR Österreich auch nicht zu verghessen - ist keine Blackbox, in der scheinbar nichts Richtiges passiert ist. Denn was man am Truppenstandort Mittenwald vorfindet, ist eben nicht nur die NS-Massenmordgeschichte allein, sondern ihre Ergänzung durch Weitgehendes verdrängen und beschweigen in der demokratischen BRD plus dem aktuellen Entschuldigungsregime. Wenn man sich einmal die Mühe macht, das in einer – zugegeben noch etwas umständlichen - Formel zu fassen, so würde diese in etwa so aussehen:
NS-Massenmord + Schweigen + demokratisches Arrangement + Entschuldigung für Wehrmachtsverbrechen = Vertretung »deutscher Interessen«, auch durch Bundeswehreinsätze überall in der Welt.
Ja, alles das muss ein zukünftiger Protest – egal an welchem Ort - zusammen denken, wenn man denn heute mit erinnerungspolitisch begründeten Initiativen unbequem sein und stören will.
Ein Punkt, der dabei immer wieder ins Spiel kommen wird, ist die Verstaatlichungstendenz des Antifaschismus. Deutlicher formuliert: Antifaschismus steht in Theorie, Praxis und Geschichte eher auf der Seite des guten antifaschistischen Nationalstaats als auf der Seite der sozialrevolutionären Rebellion. So gut wie alle Überlebenden des Naziterrors freuen sich sehr über unsere Zuwendung, mehr noch begehren sie aber die Anerkennung auch vom deutschen Staat, auch in der völlig berechtigten Erwartung von diesem Entschädigungsansprüche gewährt zu bekommen. „Entschädigung für alle – jetzt sofort!“ Diese Forderung stand unter jedem Mobilsierungsflugi nach Mittenwald und ihre für die Opfer ja sehr wünschenswerte Erfüllung setzt einen ökonomisch halbwegs gut funktionierenden Staat voraus, das beißt die Maus nun mal keinen Faden ab. Auch das hat Konsequenzen, die weit, weit in unser Handlungsrepertoire reichen. Was haben wir denn alle getan, als uns im Zentrum der Gemeinde während der Pfingstdemonstration 2004 bekannt wurde, das ein anständiger 51 jähriger Fliesenleger aus Mittenwald unter dem Beifallklatschen einer ganzen Reihe anderer respektabel aussehender Bürger dem Überlebenden des Konzentrationslagers Theresienstadt Ernst Grube in der beschaulichen Fußgängerzone brüllend die Mitteilung machte: „Der Hitler hat wohl vergessen dich zu vergasen!“ Immerhin war jener später dann doch angeklagte Fliesenleger im Gerichtsverfahren so ehrlich zu seiner Verteidigung anzuführen, das er mit seiner markanten Bemerkung doch gar nicht den KZ-Überlebenden persönlich gemeint habe, sondern vielmehr alle Demonstranten im Ort. Also noch mal: Was haben wir damals getan, wie haben wir reagiert? Haben wir daraufhin spontan und voller Wut die beschauliche Einkaufsstraße der Gemeinde verwüstet? Nein. Wir waren betroffen, und haben unsere angemeldete Demonstration im Rahmen des Demonstrationsrechtes ordnungsgemäß zu Ende geführt. Das ist hier die These: Die - wie mir scheint - damals in der Dimension kaum begriffene Situation am Obermarkt in Mittenwald zeigt uns im Zweifel wohl alle erstmal als verletzliche gute betroffene Menschen: Antifaschisten eben und gerade keine Rebellen. Und wären wir in jener Situation – ganz jenseits aller stets komplexen operativ-taktisch-raumstragetischen Fragestellungen – dazu in der Lage gewesen, die Einkaufszone von Mittenwald in Reaktion auf die unfassbare Herbwürdigung Ernst Grube zu verwüsten, was wäre dann wohl passiert? Genau! Mit hoher Wahrscheinlichkeit wären die Überlebenden des Naziterrors die ersten gewesen, die uns mit aus ihrer Sicht ausgezeichneten Argumenten dafür zum Teufel gewünscht hätten. So geht das Leben. Und doch: Zum Leben soll aber auch gehören, immer wieder von neuem das Licht der widerspenstigen Autonomie auf den Begriff des Antifaschismus zu werfen. Darüber soll für eine bessere Zukunft nachgedacht werden. Das soll noch – um hier in der Fragestellung dieses Referates zu bleiben - erreicht werden
„in Zukunft auf alle Ankündigungen achten, auf die es ankommt!“ Schluss
Nun ist die Parole aus dem Mittenwald-Mobilisierungsflugi 08„… und tschüss“ zu ihren InitiatorInnen zurückgekehrt.
Geht es denn nun weiter mit dem organisierten Widerspruch in der Kleinstadt des Henkers? Die Antwort auf diese Frage ist ihre donnernde Bestätigung: Ja, das ist eine sehr gute Frage! Gewiß ist eins: Grund zur Beruhigung in dieser mörderischen Angelegenheit gibt es nicht zu vermelden. Sicher ist hier nur, dass der organisierte Widerspruch in Mittenwald gegen die Traditionsübergabe von Wehrmachtsfans an die Bundeswehr in den nächsten Jahren mindestens als Gespenst präsent bleiben wird. Wenn dem Kameradenkreis Zeit seiner Existenz seit Ende des Jahres 1951 ein „Verdienst“ zukommt, dann besteht es darin, die Karrierewege aus dem Offizierkorps der 1. Gebirgsdivision Wehrmacht über die 1. Gebirgsdivision Bundeswehr bis hinein in die heutige Gebirgsjägerbrigade 23 sozial und kulturell planiert und politisch NS-kompatibel ausgerichtet zu haben. So zeigt der ganze Komplex Mittenwald wie wenig - umgangssprachlich formuliert - der Fisch Bundeswehr-Militarismus mit Bezug auf den Nationalsozialismus fertig gebacken ist! Ein Irrtum ist es zu glauben, das Mittenwald mit seinen Gebirgsjägern geografisch am Rand er BRD liegt. Nein, er liegt auch nicht irgendwo in der Mitte, er liegt an einem Abgrund, der wiederum weit über diesen Truppenstandort hinausweist. Achten wir also sorgfältig darauf, das uns in Zukunft alle Ankündigungen, auf die es ankommt, erreichen!