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Ziehen Sie einen Trennstrich zur Traditionspflege der Täter! - Rede des AK angreifbare Traditionspflege am 21.3.2010Wir dokumentieren hier die Rede gehalten durch den AK angreifbare Traditionspflege anlässlich der Wiederaufstellung des Denkmals in Mittenwald. Sehr geehrte Mittenwalderinnen und Mittenwalder, Über 65 Jahre sind vergangen, seit Gebirgsjägereinheiten der Wehrmacht in ganz Europa Kriegsverbrechen begingen. Namen wie Kephallonia, Falzano di Cortona und Kommeno stehen bis heute für die brutale und willkürliche Ermordung von Zehntausenden von Menschen. Gebirgsjägertruppen waren verantwortlich für Massaker an Zivilpersonen und Kriegsgefangenen. Sie waren verantwortlich für die Verwüstung ganzer Dörfer und Landstriche. Und sie sind verantwortlich dafür, dass die Überlebenden und die Angehörigen der Opfer bis heute unter dem unermesslichen Schmerz leiden, ihre Familien, ihre Freundinnen und Freunde verloren zu haben. In Erinnerung an die Toten und aus Respekt für die Überlebenden möchten wir Sie nun einladen, gemeinsam eine Minute dem Gedenken an die Ermordeten zu widmen. ---- Gedenkminute ---- Danke. Gedenken ist Innehalten. Gedenken ist auch die historische Aufarbeitung, das Sprechen über die Verbrechen, die Übernahme von Verantwortung auf Seiten der Täter und eine Auseinandersetzung in der Gesellschaft. Hier, in Mittenwald, wurde diese Art von Auseinandersetzung über die Rolle der Gebirgsjäger im Zweiten Weltkrieg jahrzehntelang vermieden. Stattdessen feiert sich an diesem Ort seit über 50 Jahren der Kameradenkreis der Gebirgsjäger jedes Jahr selbst. In seinen Reihen finden sich viele Täter. Dennoch gedenken die Gebirgsjäger hier ihrer selbst in ungebrochener Tradition. Hier treffen die Täter von damals auf ihrer Nachfolger in der heutigen Bundeswehr. Hier wird weitergegeben, was schon immer zählte: »Ehre«, Gehorsam bis zum Erbrechen und das Schweigen über die eigenen Verbrechen. In dieser Tradition marschieren heute wieder Gebirgsjäger hinaus in die Welt, um angeblich »unsere Freiheit zu verteidigen« – zum Beispiel am Hindukusch. Für die Überlebenden der Massaker und die Angehörigen der durch Gebirgsjägereinheiten Ermordeten ist die Feier am Hohen Brendten ein blanker Hohn. Und für alle Menschen, die sich für eine Aufarbeitung der nationalsozialistischen Geschichte Deutschlands einsetzen, war und ist dies eine Aufforderung zum Handeln. Vor Ort regte sich kein Widerstand gegen die Brendten-Feier. Darum regte sich ein Widerstand dagegen schließlich bundesweit. Acht Jahre lang störten Antifaschistinnen und Antifaschisten immer wieder die Ruhe dieser militärischen Feiern und damit auch die Ruhe des Ortes. In den Jahren seit 2002 wurden wir als Gegnerinnen und Gegner der Brendten-Feier und der militärischen Traditionspflege in Mittenwald nicht gerade willkommen geheißen. Die meisten Reaktionen waren abweisend bis offen feindselig, wenngleich es auch immer wieder neugierige Nachfragen und Sympathiebekundungen gab. Von Seiten der Gemeinde Mittenwald erhielten wir in den vergangenen acht Jahren leider keine Unterstützung für unsere Anliegen. Große Beachtung fanden wir lediglich durch Polizeikräfte, die unsere Proteste immer wieder massiv zu behindern suchten. Jedes Jahr haben wir hier eine öffentliche Veranstaltung gemeinsam mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen durchgeführt – gut sicht- und hörbar. Im vergangenen Jahr hat zudem die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano gemeinsam mit den Freunden von der Microphone-Mafia hier vor dem Bahnhof ein Konzert unter freiem Himmel gegeben. In den letzten acht Jahren haben viele Überlebende des Nationalsozialismus diese Gemeinde mit ihrer Anwesenheit beehrt und bereichert. Sie haben mit uns zusammen diskutiert und protestiert. Ihnen allen gilt unser inniger Dank für ihre Unterstützung, ihre Zugewandtheit und ihre Solidarität. Von offizieller Seite hat es in all dieser Zeit keine Angebote an die Überlebenden gegeben, sich mit ihnen zu treffen und sie anzuhören. Es gab keine offizielle Würdigung ihrer Anwesenheit. Selbst der Kontakt zu Überlebenden des in Mittenwald von US-Truppen befreiten Todesmarsches aus dem KZ Dachau, unter denen auch Maurice Cling war, wurde vor einigen Jahren noch abgelehnt. Im Mai vergangenen Jahres beschlossen wir, der Gemeinde Mittenwald dieses Denkmal hier zu schenken. Das Denkmal enthält Steine aus dem italienischen Ort Falzano di Cortona. Die Steine sind Trümmer von einem Haus in Falzano, das Gebirgsjäger im Juni 1944 in die Luft sprengten, nachdem sie 11 Dorfbewohner hineingetrieben hatten. Wir haben die Beschreibung dieses bestialischen Kriegsverbrechens erst vor kurzem in München vor dem Landgericht gehört. Dort schilderte der einzige Überlebende dieses Massakers, Gino Massetti, im Mord-Prozess gegen den mittlerweile verurteilten Gebirgsjäger-Leutnant Josef Scheungraber, wie er als 15jähriger Junge schwer verletzt aus dem gesprengten Haus geborgen worden war. Mit dem Aufstellen des Denkmals und seiner feierlichen Einweihung durch Maurice Cling und Max Tzwangue verband sich für alle, die gekommen waren, der Wunsch, ein bleibendes Zeichen zu setzen. Ein Zeichen zur Erinnerung an die Opfer. Ein Zeichen gegen die Verdrängung und Leugnung der Verbrechen. Das Denkmal wurde kurze Zeit später von der Gemeinde Mittenwald wieder entfernt. Eine gewaltvolle Geste, die schmerzhaft war, die aber nicht verwundert hat. Dennoch: ein Prozess war angestoßen. Jetzt, noch einmal acht Monate später, ist es endlich soweit. Die Gemeinde hat unsere Schenkung angenommen und das Denkmal aufgestellt. Wir sehen darin einen mutigen Schritt der Gemeinde, allen voran durch Herrn Bürgermeister Hornsteiner. An diesem Freitag waren die hier anwesenden Überlebenden Maurice Cling, Max Tzwangue und Ernst Grube Gäste in der Schule, vor der wir uns befinden. Sie berichteten den Schülerinnen und Schülern von ihrer Verfolgung, ihrer Gefangenschaft in Konzentrationslagern und ihrem Widerstand. Es war das erste Mal, das Angehörige der Gemeinde Mittenwald für einen Austausch mit Überlebenden offen waren. Ermöglicht wurde dies durch das Engagement des Schuldirektors Herrn Zimak und seinen Kolleginnen und Kollegen. Wir können nur hoffen, dass sich die Gemeinde Mittenwald auch zukünftig der Auseinandersetzung mit der eigenen NS-Geschichte stellt und eine konsequente Aufarbeitung einleitet. Eine Aufarbeitung, die sicherlich auch öffentlich wahrgenommen werden wird. Dass die KZ-Überlebenden Maurice Cling aus Paris und Ernst Grube aus München sowie Max Tzwangue als Vertreter der französischen Resistance gegen Nazi-Deutschland und Frau Calvi aus Cortona gekommen sind, um bei der heutigen Einweihung dabei zu sein, zeigt, was für eine immense Bedeutung jedes öffentliche Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus für die Überlebenden hat. Viele mittlerweile verstorbene Opfer haben ihr Leben lang vergeblich auf irgendeine Anerkennung ihres Leidens, auf ein Mindestmaß an Respekt und auch auf materielle Entschädigung gewartet. Viele NS-Opfer, wie zum Beispiel die Deserteure, haben nach dem Krieg auch in der Bundesrepublik weitere Verfolgung, Verhöhnung und Missachtung erlebt – während ihre einstigen Peiniger oft ohne Probleme Karriere machen konnten. Nicht wenige von ihnen sind auch in der Wehrmacht oder bei den Gebirgsjägern gewesen. Einige dieser Männer mit Blut an den Händen sind seit über fünf Jahrzehnten bei der Brendten-Feier anzutreffen. Dieser Zustand ist untragbar. Mit diesem Denkmal hier ist ein erster Schritt in Mittenwald getan, ein erstes Zeichen zur Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus ist gesetzt. Ziehen Sie einen Trennstrich zur Traditionspflege der Täter! Solidarisieren Sie sich mit den Überlebenden und den Gegnern des Nationalsozialismus! Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg! |
Ein Denkmal für Mittenwald!
Entschädigung aller NS-Opfer! Keine Straffreiheit für Kriegsverbrecher! Keine Ruhe! Prozess gegen den Gebirgsjäger Josef Scheungraber in München: Entschädigung jetzt!
Gegen jeden Krieg! |