Anklagen gegen NS-Kriegsverbrecher Scheungraber und Boere

April 2008 - Gegen zwei im Ausland verurteilte NS-Kriegsverbrecher ist in den vergangegenen Wochen Anklage erhoben worden. Die Staatsanwaltschaft München hat Anfang März gegen ein honoriges Mitglied des Traditionsverbandes der Gebirghsjäger, Josef Scheungraber aus Ottobrunn, Anklage erhoben. Mitte April erging zudem eine Anklageschrift an den in Holland verurteilten SS-Mörder Heinrich Boere. Die Dortmunder Staatsanwaltschaft führt gegen ihn ein Verfahren wegen Mordes in drei Fällen. >>>

Josef Scheunengraber
Der AK angreifbare Traditionspflege schreibt in einer Pressemitteilung zur Anklageerhebung: “Im Fall Scheungraber entschieden die Ankläger auf Mord aus niedrigen Beweggründen und Grausamkeit. Damit folgten sie erstmals ihren italienischen Kollegen, die bislang weniger Bedenken hatten, ehemalige Wehrmachtsangehörige wegen Kriegsverbrechen anzuklagen. Ein Militärgericht in La Spezia hat bereits einige deutsche Soldaten wegen verschiedener Massaker in Italien in Abwesenheit verurteilt. Scheungraber wurde am 28. September 2006 zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Da deutsche Staatsbürger nicht ausgeliefert werden, ist der Ottobrunner noch immer auf freiem Fuß. Inzwischen nannte Scheungrabers Anwalt Klamert die Entscheidung in Italien ein „Sondergericht á la Freisler“, womit er das Gericht in Liguriens Hauptstadt mit dem nationalsozialistischen deutschen Volksgerichtshof und dessen berüchtigten Blutrichter gleich setzte.“ Auch Klamert (Jahrgang 1924) gehört - wie Scheunengraber - dem Traditionsverband der Gebirgsjäger an.

(Infos zu Scheunngraber auf dieser Seite: http://keine-ruhe.org/taxonomy/term/16 )

Heinrich Boere
Nach Pressemeldungen hat der Dortmunder Oberstaatsanwalt Ulrich Maaß in der letzten Woche Anklage gegen den SS-Mörder Heinrich Boere (86) erhoben. Boere war im Zweiten Weltkrieg Mitglied des SS-Kommandos „Silbertanne“, das über 50 Menschen ermordet hat. Nach jeder Aktion des niederländischen Widerstandes wurden die Silbertannen-Mörder aktiv und ermordeten für jeden getöteten Nazi drei bis fünf „antideutsch eingestellte oder aber als mit Widerstandskreisen zusammenarbeitend bekannte Niederländer“. Die Anklage gegen ihn lautet auf dreifachen Mord. Einer davon an dem Fahrradhändler Teun de Groot in Voorschoten. Am 3. September 1944 klingelten frühmorgens Heinrich Boere und ein zweiter niederländischer SS-Mann an dessen Tür. Sie gaben sich als Polizisten aus. Der Fahrradhändler holte arglos seinen Ausweis. Sein Sohn Teun de Groot erzählt: "Mein Vater kam aus dem Bett und hatte noch seinem Pyjama an. Er ging nach oben, um seine Brieftasche zu holen, in der sich der Ausweis befand. Und er zeigte ihn. Als sie sahen, dass er es war, haben sie gleich geschossen. Hier sehen Sie noch den Einschuss, er hatte die Brieftasche in der Hand, die Kugel hat sie durchschlagen. Das ist das Loch." De Groot war ein angesehener Bürger in Voorschoten und gegen die Nazi-Besatzer. Das reicht für ein Todesurteil. Er hinterlässt eine Familie mit fünf Kindern. Teun de Groot über seine Reaktion auf den Tod des Vaters: "Ich habe 24 Stunden geweint, danach nie mehr. Fast nie mehr, mein ganzes Leben nicht, ich habe so geweint." Nach dem Krieg werden die Mörder vor holländischen Sondergerichten angeklagt. Auch Heinrich Boere wird angeklagt. Aber noch vor dem Urteil taucht er unter und flüchtet später nach Deutschland. Seit über 50 Jahren lebt er praktisch unbehelligt in Eschweiler, nur ein paar Kilometer von der holländischen Grenze entfernt.
Gegen diese jahrzehntelange Nicht-Auseinandersetzung mit den Kriegsverbrechen haben in den letzten Jahren mehrere Aktionstage stattgefunden, auch bei Scheunengraber und Boere.

(Infos zu Boere auf dieser Seite: http://keine-ruhe.org/taxonomy/term/27 )

Die Anklagen bedeuten allerdings noch lange nicht, dass es auch zu Prozessen gegen die im Ausland verurteilten Kriegsverbrecher kommen wird. Sie werden versuchen, sich verhandlungsunfähig schreiben zu lassen, auch wenn sie - wie Scheunengraber in den vergangenen Jahren - es sich nicht nehmen lassen, für ihre Traditionsfeiern jährlich den Brendten bei Mittenwald zu erklimmen. Dass es zu einer Auseinandersetzung mit den „Kriegsverbrechern in der Nachbarschaft“ und der NS-Traditionspflege, kommt dafür ist auch weiterhin der Protest gegen die Kriegsverbrecher nötig.