Published on Keine Ruhe den NS-Kriegsverbrechern (http://keine-ruhe.org)
Bericht vom Aktionstag am 6.5.06 bei Rauch
By admin
Created 20/11/2007 - 13:32

Der in Italien wegens Mordes zu lebenslanger Haft verurteilte SS-Mann Georg Rauch wohnt im Rebackerweg 11 in Rümmingen bei Lörrach etwa 50 km südlich von Freiburg an der Grenze zur Schweiz. Am 6. Mai 2006 fuhren zwei Dutzend AntifaschistInnen in das Dorf und verteilten mehrere hundert Flugblätter. Mit Transparenten, Fahnen, Megaphon und Sirene wurde auf die unerträgliche Situation aufmerksam gemacht, dass Georg Rauch für seine Verbrechen in Deutschland noch immer nicht zur Rechenschaft gezogen wird.

Die Reaktionen der DorfbewohnerInnen waren sehr unterschiedlich. Sie reichten von Zustimmung und Unterstützung bis hin zu offener Feindseligkeit. Da gab es den alten Herren mit Hut, der vehement behauptete, ihm sei das alles egal, aber wir sollten gefälligst den Konfirmationskranz am Dorfbrunnen liegen lassen - als ob wir den hätten klauen wollen. Oder die ältere Frau in einer Nebenstraße, die schockiert auf unsere Informationen über "den Georg" reagierte. Wir mussten uns üble Beleidigungen eines Nachbarn auf alemannisch anhören und führten eine lange und hitzige Diskussion mit dem Dorfpfarrer.

In den Diskussionen verwiesen wir regelmäßig auf den Artikel auf Seite drei in der heutigen Ausgabe der Badischen Zeitung (siehe unten). Viele meinten erst, man müsse die Vergangenheit auch mal ruhen lassen, das sei doch alles schon so lange her. Auf unseren Einwand, dass die Vergangenheit für die Angehörigen der Opfer immer noch sehr lebendig sei, wurde oft mit Nachdenklichkeit und Zustimmung reagiert. Die Aktion war notwendig und sinnvoll, denn viele Menschen wussten nichts über die Verbrechen Georg Rauchs. Und eines ist sicher: Seine Taten sind nun Dorfgespräch. Und für ihn wird es ungemütlicher.

Ora e sempre resistenza!

[Quelle: ]


Ein Massaker und eine Mauer des Schweigens
Am 12. August 1944 wurden 560 Bewohner von Sant ' Anna ermordet - die Verantwortlichen wurden in Italien verurteilt, leben aber unbehelligt in Deutschland

Badische Zeitung vom Samstag, 6. Mai 2006

Von unserem Redakteur Franz Schmider

Alfred Mathias Concina hatte die feste Absicht, zu dem Prozess gegen ihn nach La Spezia zu fahren, er hätte sich gerne bei den Bürgern von Sant ' Anna di Stazzema entschuldigt. Sein Anwalt riet ihm von der Reise ab. Alfred Mathias Concina ist 86 Jahre alt, um die Gesundheit des früheren Bergmanns steht es nicht zum Besten und wer weiß, ob man ihn einfach wieder hätte ausreisen lassen. Also blieb Concina in seinem Altersheim im sächsischen Freiberg und verfolgte das Verfahren gegen sich aus der Ferne.

Das mit der Entschuldigung war ihm jedoch so wichtig, dass er ein Fernsehteam empfing und ein ausführliches Interview gab. Als einziger der zehn Angeklagten. Darin sagte der ehemalige Angehörige der 16. SS-Panzergrenadierdivision "Reichsführer SS" Sätze wie: "Es war eine relativ kurze Mission, sie dauerte drei bis vier Stunden." Oder: "Die alten Leute wurden auf den Kirchplatz rausgetrieben und dann ist uns ein Licht aufgegangen, was da los war." Und: "Die Menschen wurden vor der Kirche zusammengetrieben. Dann kam der Schießbefehl und die Leute wurden zusammengeschossen." Concina wiederholt in dem Interview öffentlich, was er auch bei einer Vernehmung durch das Gericht von La Spezia in Freiberg gesagt hat. Concina war somit nicht mehr nur Angeklagter, er ist seither auch ein Zeuge. Und zwar einer, der redet.

Concina beschreibt mit den kurzen, nüchtern klingenden Sätzen, was sich am 12. August 1944 in dem Toskanastädtchen Sant ' Anna di Stazzema unweit von Lucca ereignet hat, dem "Tag der Scham", wie der frühere Bundesinnenminister Otto Schily das Datum nannte, als er vor zwei Jahren Sant ' Anna besuchte. 560 Menschen wurden in der so genannten "kurzen Mission" getötet, darunter 116 Kinder. Es war eines der größten und grausamsten Massaker, das deutsche Truppen im Zweiten Weltkrieg verübt haben.

Die Aktion diente der so genannten "Bandenbekämpfung", es soll eine Antwort auf einen Partisanenangriff gewesen sein. SS-Truppen auf dem Rückzug hatten das Dorf im Morgengrauen überfallen. Die Einwohner von Sant ' Anna mussten ihre Häuser verlassen und sich auf dem Platz vor der Kirche versammeln. Soldaten warfen Handgranaten in die Häuser, niemand sollte sich darin verstecken können und überleben. Die Menschen auf dem Platz wurden erschossen, die Leichen mit Benzin übergossen und angezündet. Einige der Opfer seien "bei lebendigem Leib verbrannt" worden, ergaben die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Stuttgart. Überlebt haben nur jene, die zu diesem Zeitpunkt nicht im Ort waren. Im Juni vergangenen Jahres wurden zehn Angehörige der 400 Mann starken Einheit im Alter zwischen 79 und 93 Jahren in La Spezia zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt.

R. ist einer der Verurteilten. Der 85-Jährige lebt in einem Dorf unweit von Lörrach. Unbehelligt von der Justiz, denn Deutschland liefert keine deutschen Staatsbürger an das Ausland aus. Der Richterspruch von La Spezia sei ein "Fehlurteil", denn er sei an besagtem Tag nicht in Sant ' Anna gewesen, sagt er am Telefon. Mehr wolle er dazu nicht sagen. Stattdessen will er der Badischen Zeitung "verbieten", über den Fall zu schreiben. Seine Sicht der Dinge kann deshalb hier nur anhand des Urteils von La Spezia dargelegt werden.

In seinen Vernehmungen hatte R. angegeben, er sei im Juni 1944 verwundet worden und habe bis Ende August im Lazarett gelegen. Das Gericht fand dafür aber keine Belege. Unterlagen aus deutschen Militärarchiven bescheinigen ihm eine kleinere Verwundung im Oktober 1944, nicht aber eine schwere im Juni desselben Jahres. Auch in der sehr positiven Bewertung durch seinen Vorgesetzten vom Oktober 1944 steht nichts von einer schweren Verwundung. Am Ende glaubten die Richter R.Ž s Version nicht.

Als Bataillons-Adjutant habe er vielmehr Berichte an den Kommandanten gelesen und weitergeleitet, er musste Pläne und Befehle aufschreiben. Die Richter folgerten über R.: "Da also die Planung des Massakers von Sant ' Anna direkt zu seinem Zuständigkeitsbereich gehörte, und da man keinen echten Nachweis erbringen konnte, dass er zu der Zeit nicht vor Ort gewesen sei, muss man davon ausgehen, dass er zumindest an der Planung beteiligt war." Wie gesagt, R. will sich dazu nicht äußern. Zumal die Sache juristisch noch nicht abgeschlossen sei.

Tatsächlich ermittelt seit Oktober 2002 die Staatsanwaltschaft Stuttgart. "Die Ermittlungen dauern noch an, ein Ende ist nicht abzusehen", erklärt Tomke Beddies, die Sprecherin der Staatsanwaltschaft. "Wir wollen den Sachverhalt vollständig aufklären. Und es ergeben sich immer wieder neue Hinweise."Es hätten sich neue Zeugen gemeldet, nach weiteren Zeugen werde gesucht, allerdings "ist das Erinnerungsvermögen mehr als 60 Jahre nach dem Geschehen recht beschränkt - ob das daran liegt, dass man sich nicht erinnern will, lasse ich mal offen", erklärt Beddies. Die ermittelnden Staatsanwälte stießen häufig auf eine "Mauer des Schweigens".

Ermittelt wird in Stuttgart gegen 15 Personen, unter ihnen seien solche, die in La Spezia verurteilt wurden, doch nicht alle, die in Italien der Beteiligung an einem Massaker für schuldig befunden wurden, sind im Visier der deutschen Staatsanwälte.

Die Staatsanwaltschaft steht vor einem juristischen Grundsatzproblem: Nur wenn es sich um Mord handelt, ist die Tat nicht verjährt. "Es bedarf keiner juristischen Klügelei, um zu erkennen, dass das, was am 12. August 1944 in Sant ' Anna di Stazzema geschah, blanker brutaler Massenmord war", sagte Innenminister Schily bei seinem Besuch im Ort des Grauens zum 60. Jahrestag des Massakers. Ganz so einfach verhalte es sich nicht, betont Beddies. Für die Stuttgarter Ermittler müsse in jedem Einzelfall das Mordmerkmal erfüllt sein und nachgewiesen werden. Der Beschuldigte muss mithin aus niedrigen Beweggründen gehandelt haben, er muss besonders grausam vorgegangen sein und einen Handlungsspielraum gehabt haben, jedem einzelnen müsse eine Tatbeteiligung individuell nachgewiesen werden.

Weshalb die Ereignisse erst jetzt juristisch aufgearbeitet werden, ist nicht mehr restlos zu klären. Bereits im Herbst 1944 hatten die Amerikaner mit Ermittlungen begonnen, sie reichten die Akten an die italienische Justiz weiter, Jahre später sollen sie auch deutschen Behörden übergeben worden sein. Erst Mitte der 90er-Jahre tauchte im Keller des Militärgerichts in Rom ein Panzerschrank mit 695 Aktenordnern auf. In diesem "Schrank der Schande" befanden sich auch die Belege für das Massaker von Sant ' Anna. Ein Bericht der Süddeutschen Zeitung brachte dann den Stein ins Rollen.

Über Jahrzehnte hatten Überlebende und Angehörige der Opfer vergeblich versucht, die Justiz davon zu überzeugen, dass das Verbrechen stattgefunden hat. Nun lagen die Beweise auf dem Tisch. "Wir wollen keine Rache, sondern Gerechtigkeit", kommentierte der Bürgermeister von Sant ' Anna das Urteil von La Spezia. "Das Urteil aus La Spezia zeigt, dass es nach wie vor möglich ist, NS-Verbrecher zu bestrafen", erklärte Efraim Zuroff, Leiter des Simon-Wiesenthal-Zenrums in Jerusalem. Er verlangte, die Stuttgarter Staatsanwaltschaft solle "ihre Bemühungen verstärken".

Am Montag soll eine Kundgebung in Stuttgart diese Forderung untermauern. Schon am Wochenende sind an den Wohnorten der in Italien Verurteilten Aktionen geplant. Alfred Concina hat damit bereits Erfahrungen gemacht. Nachdem antifaschistische Gruppen vor dem Seniorenwohnheim demonstriert hatten, bekundeten Tage später Neonazis ihre Sympathie mit dem alten Herrn. Concina ging auf Distanz. Diese Reaktion, sagte er, sei eine "Schweinerei".

Quelle: http://www.badische-zeitung.de/nachrichten/seite3/64,51-9448823.html


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