Published on Keine Ruhe den NS-Kriegsverbrechern (http://keine-ruhe.org)
Redebeitrag zur Aktion bei Paul Albers am 1.12.07
By admin
Created 05/12/2007 - 23:30

Am 29. September 1944 durchkämmen Teile der 16. SS
Panzergrenadierdivision die Hochebene des Monte Sole in der Nähe von
Marzabotto. Marzabotto liegt wenige Kilometer südlich von Bologna in
Nord-Italien. Unterstützt von italienischen Faschisten, beginnt an
diesem Morgen eins der größten Massaker an der Zivilbevölkerung in
Italien während des 2. Weltkrieges. An 70 Stellen dieser Hochebene
werden alte Männer, Frauen und Kinder zusammengetrieben und ermordet.
Mehr als 770 Menschen fallen diesem Massaker zum Opfer, das fünf Tage
und vier Nächte andauert.

Paul Albers, der heute in Saarbrücken lebt, war als führender SS-Mann an
diesem Massaker beteiligt. Ich komme gleich noch einmal auf ihn zurück.

Was war geschehen? Im Rahmen eines Seminars über die deutsche Besatzung
in Italien und den antifaschistischen Widerstand habe ich 2001 die
Region um Marzabotto besucht. Ich will aus dem Bericht über ein Massaker
vorlesen, das Francesco Pirini beobachtet hat, der damals 17 Jahre alt war:
Am 29.September1944 schickte ihn seine Mutter frühmorgens auf die Wiese
zum Gras pflücken für die Kaninchen. Auf einer Lichtung konnte er sehen,
dass unterhalb ein Hof brannte und er hörte Schüsse. Er wollte schnell
nach Hause laufen, um die Partisanen zu warnen, die bei ihnen versteckt
waren. Zuhause angekommen, waren die Partisanen dabei aufzubrechen, weil
sie auch die Deutschen bemerkt hatten. Sie wollten sich auf den Monte
Sole zurückziehen, Francesco entschied, sich in einem Wald zu
verstecken, da er Angst hatte, deportiert zu werden. Der Rest der
Familie blieb zu Hause. Von dort sah er, wie alle Bewohner des kleinen
Dorfes Cerpiano von den deutschen Soldaten in die Kapelle getrieben
wurde: 49 Personen, 20 Kinder, 27 Frauen und 2 greise Männer, 14 waren
Verwandte von Francesco. Die Kapelle wurde verschlossen und die
Deutschen warfen Handgranaten durch die Fenster. Er hörte die Schreie
der Menschen. Er wartete darauf, dass die Deutschen abzogen. Die
bewachten aber die Kapelle weiterhin und erschossen noch einen Mann auf
der Eingangsschwelle, der versuchte heraus zu kriechen.
Eine Nonne, die als Kindergärtnerin arbeitete und 2 Kinder überlebten
das Massaker. Die Nonne berichtete, dass die Hälfte der Eingesperrten
sofort tot war, die andere Hälfte schwer verletzt. Eine Frau begann am
Abend zu schreien und wurde gezielt erschossen. Die deutschen Soldaten
lagerten 2 Tage lang vor der Kapelle, aßen, tranken, sangen und töteten
zwischen durch immer wieder Menschen in der Kapelle oder bei
Fluchtversuchen. Am 30.9. gingen die Soldaten in die Kirche und
kontrollierten, welche Körper kalt oder warm waren, nahmen alle
Wertgegenstände mit und erschossen die noch Lebenden. Die
Kindergärtnerin lag unter einer Leiche und hatte einen blutenden
abgestorbenen Arm, der kalt war und bei der Wärmeprobe wurde nicht
festgestellt, dass sie noch lebte. So überlebte sie. Francescos Mutter
und seine Schwester wurden am 30.9. in der Kapelle erschossen.

Soweit der Bericht von Francesco Pirini.

Paul Albers ist durch ein italienisches Gericht 2007 wegen Beteiligung
an diesem Massaker in Abwesenheit zur Höchststrafe -- lebenslänglich --
verurteilt worden.
Die Nazi-Karriere von Paul Albers begann 1937 im Alter von 17 Jahren mit
seinem Beitritt zur SS. Zuvor war er drei Jahre lang Mitglied der
Hitlerjugend. Am 14.2.1943 kam er zur 16. SS-Panzergrenadier-Division.
Einen Monat später steigt er in den Rang des Untersturmführers auf. Ihm
wird im Laufe des Krieges das Eiserne Kreuz 2. und 1. Klasse verliehen.
Am 30.8.1943 schlägt Bataillonskommandeur Reder seine Beförderung zum
Stabsoffizier vor. Reder betont die nationalsozialistische Gesinnung
Albers und sein energisches militärisches Handeln an der Front. Albers
bekommt den Posten und wird in den Führungsstab der Aufklärungsabteilung
aufgenommen. In zentraler Position regelt er die Kommunikation zwischen
den Einheiten, teilt ein und sorgt für die Durchführung der Befehle. In
der Urteilsbegründung heißt es dazu, dass "die Realisierung des
Massakers (in Marzabotto) in erster Linie Ergebnis seiner konkreten
Tätigkeit" war .

Heute lebt Albers in Saarbrücken, Steinhübel 33, keine schlechte
Wohngegend. Er genießt seinen Lebensabend, kein Wort des Bedauerns ist
über seine Beteiligung an diesem Verbrechen bekannt geworden. Franco
Lanzarini, ein anderer Überlebender mit dem wir 2001 gesprochen haben,
war damals 7 Jahre als er das Massaker aus der Ferne mit erlebte, seine
Haare sind über Nacht weiß geworden; er blieb traumatisiert und hat das
Gedächtnis über seine ersten sieben Lebensjahre verloren.

Die deutsche Justiz liefert Paul Albers nicht an Italien aus,
vollstreckt aber auch nicht die Strafe des italienischen Gerichts hier.
Sie lässt ihn unbehelligt -- wie fast alle NS - Kriegsverbrecher. "Lasst
doch die alten Männer in Ruhe" sagen viele und zeigen damit, wie tief
noch heute die Abwehr sitzt, sich mit dem Nationalsozialismus
auseinander zu setzen. Schon wenige Jahre nach dem Krieg, als die
NS-Kriegverbrecher noch jung genug waren, wollte die Justiz sie nicht
verfolgen.
Das Auswärtige Amt finanzierte damals die "Zentrale Rechtsschutzstelle",
die angeklagten Kriegsverbrechern Rechtsanwälte vermittelte und den
Verbleib von Entlastungszeugen recherchierte. Die Dienststelle wurde --
welch ein Zufall, von dem ehemaligen Mitarbeiter der Gruppe Justiz der
NS Militärverwaltung, Dr. Rudolf Thierfelder geleitet. Neben dieser
Fürsorge fand die Justiz immer neue Tricks und Ausflüchte, den Schutz
der Täter durchzusetzen. Unterstützt wurde sie dabei von der breiten
Mehrheit der Gesellschaft, die es ablehnte, Konsequenzen aus den
Verbrechen der Nazis zu ziehen und sich lieber selbst als das
eigentliche Opfer Hitlers stilisierte.

Deshalb macht es uns noch wütender, wenn heute die Taten von Neonazis
von der Justiz fast durchweg verharmlost und oft gar nicht ermittelt
werden. Wenn Nichtdeutsche zusammengeschlagen und mit einer Hetzjagd
durch ein Dorf getrieben werden -- wie in Mügeln. Wenn die Polizei nicht
eingreift und die Justiz die Täter mit lächerlichen Geldstrafen belegt.
Wenn ein Klima der Ausgrenzung, des Hasses und der Angst erzeugt wird,
um eine totale Kontrolle der Bevölkerung durchzusetzen. Wenn Krieg
geführt wird mit der verlogenen Rechtfertigung eines humanitären Einsatzes.

Wir erinnern an die Massaker von damals und benennen die Täter, weil wir
die Notwendigkeit sehen, uns aktuell gegen Krieg und Rassismus zu Wehr
zu setzen.

Das Schweigen durchbrechen -- keine Ruhe für NS Kriegsverbrecher!!


Source URL: http://keine-ruhe.org/node/58